In der Blockchain lässt sich (fast) alles verwursten

Die Idee, Lebensmittel bis zum Hof zurückzuverfolgen, hat es unserem Kolumnisten angetan. Er hätte gerne Tomaten und Steaks mit digitaler Identität.

Vom Eintrag ins Grundbuch bis zur Gemüse-Rückverfolgung

Fünf Jahre sind in der Welt der Computer eine Zeit, in die ziemlich viele Innovationen hineinpassen. Und fünf Jahre ist es jetzt her, dass die „Blockchain“ zur ganz besonders heißen Neuheit erklärt wurde, die unser aller Leben viel besser machen sollte. Niemand sollte mehr irgendwelchen Fremden vertrauen müssen – eine sehr gute Idee, wenn man sich den gemeingefährlichen Unsinn anschaut, den manche Zeitgenossen so im Netz verbreiten – denn eine fälschungssichere Datenbank werde die wahren Fakten ein für alle Mal speichern. Und zwar dezentral, in so vielen Kopien, dass keine kleine Clique die Kontrolle darüber an sich reißen kann. Wer was wem schuldet oder bezahlt hat, wäre gerichtsfest digital protokolliert. Die Anwendungsfälle würden vom Grundbuch bis zur Gemüse-Rückverfolgung reichen.

Ja, und was ist jetzt? Wo ist die versprochene Blockchain, die mir verrät, ob die Tomate aus dem Supermarkt wirklich aus dem Gewächshaus eines Bio-Gärtners stammt und wie dieser heißt? Ich habe noch keine entdeckt. Besser gesagt: Ich habe noch kein Obst oder Gemüse kaufen können, das sich über einen elektronischen Personalausweis identifiziert. Und das liegt wohl daran, dass die Technologie-Gurus damals einfach nicht bedacht haben, dass kryptografisch gesicherte Blockketten genauso geduldig sind wie Papier: Wir Verbraucher sehen der Frucht nicht an, ob sie wirklich die ist, die in den Karton gehört oder ob jemand Billigware durch betrügerisches Umpacken veredelt hat. Es gibt immer noch den Medienbruch: Die Lieferkette mag so digitalisiert sein, wie sie will, aber die Tomate ist noch immer analog.

Da hilft nur eins: Farming 4.0

Die Digitalisierung der Ernte. Was spricht denn dagegen, einen individuellen QR-Code auf die Frucht zu lasern oder zu drucken? Die Gurke, Avocado oder Tomate bekommt ihren digitalen Zwilling im Netz, und der Konsument kann im Laden mit der Handy-Kamera das Echtheitszertifikat aus der Blockchain abrufen – mit Herkunft, MHD und Seriennummer. Und bei einem Produktrückruf warnt ihn die App automatisch, dass seine Ananas eine doppelte Ladung Pestizide abgekriegt hat.

Und das Prinzip drehen wir dann weiter. Warum nicht auch Filetsteaks digitalisieren? Ein Laser-Brandzeichen ist vielleicht keine gute Idee, aber wozu gibt es Lebensmittelfarbe? Selbst bei Fleisch, das im Cutter landet, gibt es für die Ingenieure keine Probleme, nur Herausforderungen. Bärchenwurst war gestern, im Zeitalter des 3D-Drucks ist QR-Wurst angesagt. So verrät künftig sogar loser Aufschnitt von der Metzgertheke noch, wo er herkommt. Beim Hackfleischhacken trennt der Roboterfleischwolf zunächst präzise Speck und Muskelfleisch – und markiert die bratfertige Bulette dann mit echter weißer Fettschrift auf appetitlich rotem Grund. Ein wenig Erfindungsgeist ist noch bei Fleischersatzprodukten nötig, allein schon, weil wegen der vielen Zutaten der Platz auf den Chainblocks knapp werden dürfte.

Schwierig wird es nicht zuletzt bei der sprichwörtlichen Leberworscht. Womöglich bleibt ihr Innenleben am Ende wirklich unerforscht.

 

Ulf Jochen Froitzheim
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